Care 4.0: Eine neue Stufe kapitalistischer Vergesellschaftung des Sorgens und globale Sorgegefälle

by Brigitte Aulenbacher

 

Care und Care Work gehören zu denjenigen Themen, die seit einigen Jahren auf der gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Agenda vergleichsweise rasant aufgestiegen sind. Warum dies der Fall ist und welche Herausforderungen sich angesichts der gegenwärtigen Organisation der Selbst- und Fürsorge gesellschaftlich stellen, ist hier Thema.

 

Care-Debatte zwischen Krisenerfahrung und Kapitalismuskritik

 

Nach der Finanzkrise 2008 und im Gefolge der Austeritätspolitiken in Europa hat das Thema Care und Care Work im deutschsprachigen Raum gesellschaftlich und wissenschaftlich neue Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Seither ist in zahlreichen Varianten und über erhebliche Unterschiede im Bedeutungsgehalt hinweg von Sorge- und Reproduktionskrisen die Rede. Insofern spiegelt die gestiegene Aufmerksamkeit zum einen, dass selbst diejenigen Gesellschaften in Westeuropa, für die ein vergleichsweise hohes Maß an sozialer Sicherheit über lange Zeit garantiert schien, in neuer Weise mit Gefährdungen der Selbst- und Fürsorge konfrontiert worden sind (Wöhl/Hofmann/Schlager 2015). Zum anderen ist die Diskussion, beispielsweise auf den Begriff der „Care Revolution“ (Winker 2015) gebracht, schnell ins Grundsätzliche gegangen und zwar in einer für die Debatte um Care, Ökonomie, Ethik und Demokratie teilweise typischen Art und Weise: sowohl mit Blick darauf, was lebensdienlichem „Versorgen – Fürsorgen – Vorsorgen“ (Knobloch 2013) im Kapitalismus im Wege steht, als auch darauf, wie es diesseits und jenseits dieser Gesellschaftsformation möglich sein könnte, wobei die internationale stärker als die deutschsprachige Diskussion die globale Entwicklung thematisiert (Tronto 2011).

 

Diese nicht erst neuerliche Radikalität – im Sinne von: an die Wurzeln von Herrschaftszusammenhängen heranreichende Perspektive – von Care-Debatten reflektiert auf einen ‚Grundwiderspruch‘ des Kapitalismus. Er besteht darin, dass die Selbst- und Fürsorge zwar eine unabdingbare Voraussetzung allen Lebens und Zusammenlebens ist, kapitalistisches Wirtschaften jedoch entweder von Sorgeleistungen absieht, sofern sie in funktionsnotwendigem Umfang anderweitig erbracht werden; im hiesigen sozialräumlichen Kontext gewährleisten dies vor allem Privathaushalt, soziale Netzwerke, Gemeinwirtschaft, Sozialstaat und im Rahmen sich wechselseitig weitgehend stabilisierende Arbeitsteilungen nach Geschlecht, Ethnizität, Klasse. Oder es setzt die Selbst- und Fürsorge in Wert, aber nicht primär im Sinne ihrer Lebensdienlichkeit und damit nach ihrem „Maß“ (Plonz 2011), sondern nach Maßgabe wirtschaftlicher Rentabilität und Profitabilität (Aulenbacher/Dammayr 2014).

 Gut für sich und andere zu sorgen bzw. versorgt zu werden – etwa auf hohem professionellen Niveau und durch vielfältige Sorgeangebote – ist unter diesen Voraussetzungen zweifellos möglich. Es ist im Kapitalismus aber ein Privileg weniger und nicht ein allen Menschen zugestandenes Recht. Somit ist die kapitalistische Organisation des Sorgens immer auch mit sozialen Ungleichheiten und der Beschneidung demokratischer Teilhabemöglichkeiten verbunden.

Die These, die ich hier zur Diskussion stelle, ist, dass sich dieser ‚Grundwiderspruch‘ seit einiger Zeit zuspitzt und in neuer Weise mit globalen Sorgegefällen und Herausforderungen einhergeht.

 

Care 4.0: Eine neue Stufe kapitalistischer Vergesellschaftung des Sorgens

 

Mit dem Kürzel 4.0 wird in anderem Kontext – Industrie 4.0, Arbeit 4.0 – die gegenwärtige Phase der gesellschaftlichen Entwicklung als vierte industrielle Revolution beziffert; sie wird nicht zuletzt an der Digitalisierung festgemacht. Mit dieser Diagnose einer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zäsur und weiteren Umbrüchen vor allem in ökologischer Hinsicht sind auch Fragen von Wirtschaftsdemokratie und nicht zuletzt ein Kern des traditionsreichen Konzepts erneut in die Diskussion gelangt: die Frage, wie und was produziert wird, wie Wirtschaft und Gesellschaft damit verbunden ins Verhältnis gesetzt werden und welcher demokratischer Teilhabe es bedarf (Lemb 2015).

 

Nun ist die digitale Vergesellschaftung von Arbeit und Leben auch im Feld von Care und Care Work im Kommen – Pflegeroboter ‚verkörpern‘ dies wie kaum eine andere Technologie (von Bose/Treusch 2013) –, aber sie ist (noch oder zumindest im hiesigen Sozialraum) kein oder nicht das hervorstechende Moment unter den ganz verschiedenen wirtschaftlichen Zugriffen auf das Sorgen. Gleichwohl, wenngleich in anderer Weise als mit Blick auf die gesellschaftliche Produktion, lässt sich seit Ende des letzten Jahrhunderts auch von einer neuen Stufe kapitalistischer Vergesellschaftung der sozialen Reproduktion sprechen, die unter anderem mit ihrer Industrialisierung, Verwissenschaftlichung, Technologisierung, Kommerzialisierung einhergeht.

 

Sie lässt sich an verschiedenen Entwicklungen und Phänomenen ablesen wie Angeboten von Leihmutterschaft, Social Freezing, Domestic Care und ist mit weiteren neuen Formen des „Sorgeextraktivismus“ (Wichterich 2016) verbunden. Die Selbst- und Fürsorge wird, um nur drei durchaus kontroverse Interpretationen zu nennen, in neuem Ausmaß und neuer Weise landgenommen, (Dörre/Ehrlich/Haubner 2014), vermarktlicht (Fraser 2013), ökonomisiert (Aulenbacher/Dammayr 2014). Das verbindet sich, wie in diesen Interpretationen weiterhin kontrovers und mit unterschiedlicher Gewichtung festgestellt wird, mit neuen Formen der Ausbeutung, (De-, Ex-)Kommodifizierung und Rationalisierung von Care und Care Work, in denen klassen-, geschlechts- und ethnizitätsbasierte Herrschaft zum Ausdruck kommt.

 

Ineinander verschränkte Tendenzen aus Sicht der Sociology of Care

 

Die internationale Sociology of Care nimmt solche Entwicklungen im Sinne einer „New Global Political Economy of Care“ auf (Mahon/Robinson 2011), wobei sie verschiedene ineinander verschränkte Tendenzen anspricht: die (De-)Kommodifizierung des Sorgens, die Transnationalisierung von Arbeit und Politik und neue Formen von (Sozial)Staatlichkeit und Governance (Anderson/Shutes 2014; Aulenbacher/Riegraf/Theobald 2014; Kofman/Raghuram 2015; Klenk/Pavolini 2015). Mit ihnen verbindet sich eine dreifache Aufmerksamkeit für Care und Care Work als neuem Wirtschaftsfaktor: Zum einen sind die mit Leihmutterschaft, Social Freezing, Pflegerobotern, Domestic Care bereits angedeuteten und eine ganze Reihe weiterer Care-Sektoren Wachstumssektoren, was die Entwicklung und das Angebot von Care-Technologien und Dienstleistungen für eine weltweite, zahlungskräftige Klientel angeht. Zum zweiten ist die Selbst- und Fürsorge in neuer Weise Gegenstand sozial-, familien-, arbeitspolitischer Maßnahmen, etwa in der Social Investment Policy der OECD im Globalen Norden und der Weltbank im Globalen Süden (Mahon 2011), die ihr nicht zuletzt angesichts wirtschaftlicher Belange unter humankapitalorientierten Aspekten Rechnung tragen (Frauen als unausgeschöpftes, daher von Sorgepflichten zu entlastendes und Kinder als zukunftgerichtetes, daher zu versorgendes Arbeitskräftepotenzial) (Saraceno 2015). Zum dritten richten sich im internationalen Sozialstaatsumbau die managerielle Organisation und das professionelle Angebot von Sorgearbeit und -leistungen nach vorrangig ökonomischen Maßgaben unter Kostenaspekten auf das Auseinanderklaffen sozialer Erfordernisse, z.B. in der Alten- und Krankenpflege, einerseits und verfügbarer Ressourcen vor allem in Staat und Drittem Sektor andererseits (Klenk/Pavolini 2015). Domestic Care schließt dabei im weltweiten Sorgegefälle sozialstaatliche Sorgelücken im Globalen Norden und Westen zulasten des Globalen Südens und Ostens und zwar im Rahmen geschlechts- und ethnizitätsbasierter Arbeitsteilungen (Andersen/Shutes 2014).

 

Und ja: Alternativen denken! Aber wie? Herausforderungen

 

Abschließend will ich drei unbequeme Fragen ansprechen, zu denen die Care-Debatte möglicherweise wie keine andere angehalten ist, da es im demokratischen Miteinander immer um die gelingende Selbst- und Fürsorge für alle und nicht nur für wenige geht. Sie stellen aber zugleich eine nicht zureichend eingelöste Herausforderung dar.

 

Erstens, der hier bloß angedeuteten Debatte um Wirtschaftsdemokratie wohnt die provokante Frage nach dem Wie und dem Was (wird produziert) inne. In gewisser Weise gilt dies auch für die neue Stufe der Vergesellschaftung von Care und Care Work, die zwischen zwei Extremen erfolgt: der Verwissenschaftlichung und Technologisierung von Care und Care Work, die vor allem im Globalen Norden greift, während die Vernachlässigung des Sorgens bis hin zur existenziellen Gefährdung die im globalen Süden anhaltende Realität ist. Welche Care-Technologie und Dienstleistung wird, falls überhaupt, benötigt, wenn große Teile der Weltbevölkerung anhaltend unversorgt sind?

 

Zweitens, die Debatte um Care-Demokratie geht weiter als diejenige um Wirtschaftsdemokratie, insofern sie ihren Ausgangspunkt nicht bei der kapitalistischen Vergesellschaftung, sondern bei der Unterordnung des Lebens unter deren Maßgaben nimmt. Es geht in der internationalen Care-Debatte letztlich um nicht mehr und nicht weniger als das Recht auf gelingende Selbst- und Fürsorge für alle, womit es angesichts der gesellschaftlichen Organisation des Sorgens in Privatwirtschaft, Staat, Drittem Sektor, Privathaushalt, sozialen Netzwerken immer um das Gesamt der Ausgestaltung der Gesellschaft geht. Nicht von ungefähr charakterisiert Care-Initiativen anders beispielsweise als Gewerkschaften in ihrer Aushandlung der Beschäftigungsverhältnisse der ‚Blick auf’s Ganze‘: das Beschäftigungssystem, den Sozialstaat und den Privathaushalt.

 

Wie aber, wenn, drittens, Selbst- und Fürsorge unter den Vorzeichen des globalen Ausspielens von Prekaritäten stehen? Dieses Phänomen betrifft keineswegs nur die Care-Debatte. In nahezu jedem (Wirtschafts)Sektor und Lebensbereich haben wir es mit einem globalen Ausspielen von Prekaritäten – also der ökonomischen Nutzbarmachung existenzieller Verunsicherung in verschiedenen Weltregionen – zu tun. Sie führt im Falle von Domestic Care beispielsweise dazu, dass angesichts halb- oder illegaler Migrationen weltweit Denizens, MigrantInnen – in der Regel Frauen – ohne vollen BürgerInnenstatus, für das Wohlergehen der Citizens – Frauen, Männer, Kinder – in den privilegierten Schichten und Ländern sorgen (Tronto 2011), in der durch Leihmutterschaft Frauen des globalen Südens den Kinderwunsch von Frauen und Männern des Globalen Nordens erfüllen helfen (Wichterich 2016) u.v.m. Wenn die Rede von der „imperialen Lebensweise“ (Brand/Wissen 2017) nicht ausschließlich oder vielleicht sogar nicht einmal in erster Linie als Kritik, sondern als Zustandsbeschreibung verstanden wird, in der sich die globalen Eliten und Mittelschichten legitimiert sehen, den ‚Rest‘ der Welt für ihre Sorgebelange zu beanspruchen, bewegt sich die Care-Debatte unvermeidlich in dieses Ausspielen von Prekaritäten hinein, in dem die Selbst- und Fürsorge der einen entsprechend ihren eigenen Ansprüche unmittelbar mit der Beeinträchtigung derjenigen der anderen Menschen und Gesellschaften verbunden ist.

 

Eine emanzipatorische Debatte um Care 4.0 hat diese globalen Interdependenzen zu berücksichtigen.

 

Literatur:

 

Anderson, Bridget/Shutes, Isabel (Hrsg.) (2014). Migration and Care Labour. Theory, Policy and Politics. Houndmills, Basingstoke, Hampshire: Palgrave Macmillan.

 

Aulenbacher, Brigitte/Dammayr, Maria (2014). Zwischen Anspruch und Wirklichkeit: Zur Ganzheitlichkeit und Rationalisierung des Sorgens und der Sorgearbeit. In: B.

 

Aulenbacher/B. Riegraf/H. Theobald (Hrsg.), Sorge: Arbeit, Verhältnisse, Regime – Care: Work, Relations, Regimes. Soziale Welt. Sonderband 20 (S. 125-140). Baden-Baden: Nomos.

 

Aulenbacher, Brigitte/Riegraf, Birgit/Theobald, Hildegard (Hrsg.). Sorge: Arbeit, Verhältnisse, Regime – Care: Work, Relations, Regimes. Soziale Welt. Sonderband 20. Baden-Baden: Nomos.

 

Brand, Ulrich/Wissen, Marcus. 2017. Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus. München: oekom Verlag.

 

Dörre, Klaus/Ehrlich, Martin/Haubner, Tine (2014). Landnahmen im Feld der Sorgearbeit. In: B. Aulenbacher/B. Riegraf/H. Theobald (Hrsg.), Sorge: Arbeit, Verhältnisse, Regime. Soziale Welt. Sonderband 20 (S. 107-124). Baden-Baden: Nomos.

 

Fraser, Nancy (2013). A Triple Movement? Parsing the Politics of Crisis after Polanyi. New Left Review, 81, 119–132.

 

Klenk, Tanja/Pavolini, Emmanuele (Hrsg.) (2015), Restructuring Welfare Governance. Marketization, Managerialism and Welfare State Professionalism. Cheltenham/Northampton: Edward Elgar Publishing Ltd.

 

Knobloch, Ulrike (2013): Versorgen – Fürsorgen – Vorsorgen. Normative Grundlagen der Sorgeökonomie als allgemeine Wirtschaftstheorie und die Ethik des Vorsorgenden Wirtschaftens. In: Netzwerk Vorsorgendes Wirtschaften (Hg.): Wege Vorsorgenden Wirtschaftens. Marburg, S. 21-42.

 

Kofman, Eleonore/Raghuram, Parvati (2015). Gendered Migrations and Global Social Reproduction. Basingstoke: Palgrave Macmillan.

 

Lemb, Wolfgang (Hrsg.) (2015): Welche Industrie wollen wir? Nachhaltig produzieren – zukunftsorientiert wachsen. Frankfurt/ New York: Campus.

 

Mahon, Rianne (2011), Transnationalizing (Child) Care Policy: The OECD and the World Bank. In: R. Mahon/ F. Robinson, Fiona (Hrsg.), Feminist Ethics and Social Policy. Towards a New Global Political Economy of Care (S. 77-93). Vancouver: UBC Press.

 

Mahon, Rianne/Robinson, Fiona (Hrsg.) (2011). Feminist Ethics and Social Policy. Towards a New Global Political Economy of Care. Vancouver: UBC Press.

 

Plonz, Sabine (2011). Mehrwert und menschliches Maß. Zur ethischen Bedeutung der feministisch-ökonomischen Care-Debatte. In: Das Argument 292, S. 365–380.

 

Saraceno, Chiara (2015). A Critical Look to the Social Investment Approach from a Gender Perspective. Social Politics, 22 (2), 257-269.

 

Tronto, Joan C. (2011). A Feminist Democratic Ethics of Care and Global Care Workers. Citizenship and Responsibility. In: R. Mahon/F. Robinson, Fiona (Hrsg.), Feminist Ethics and Social Policy. Towards a New Global Political Economy of Care (S. 162-177). Vancouver: UBC Press.

 

von Bose, Käth/Treusch, Pat (2013). Von ,helfenden Händen‘ in Robotik und Krankenhaus: Zur Bedeutung einzelner Handgriffe in aktuellen Aushandlungen um Pflege. Feministische Studien 2/2013, 253-266.

 

Wichterich, Christa (2016). Feministische Politische Ökonomie und Sorgeextraktivismus. In: U. Brand, Ulrich/H. Schwenken/J. Wullweber (Hrsg.), Globalisierung analysieren, kritisieren und verändern. Das Projekt kritische Wissenschaft. (S. 54-71). Hamburg: VSA.

 

Winker, Gabriele (2015). Care Revolution. Schritte in eine solidarische Gesellschaft. Bielefeld: transcript.

 

Wöhl, Stefanie/Hofmann, Julia/Schlager, Christa (Hrsg.) (2015). Soziale Reproduktion, Alltag, Krise. Perspektiven auf Europa. Kurswechsel, Zeitschrift für gesellschafts-, wirtschafts- und umweltpolitische Alternativen, Heft 1/2015


Brigitte Aulenbacher ist eine deutsche Soziologin. Sie wirkt seit 2008 als Professorin für Soziologie mit dem Schwerpunkt Soziologische Theorie und Sozialanalyse an der Johannes Kepler Universität Linz.

Bilder mit freundlicher Unterstützung von pixabay.de

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